Der Verfall der Heilkunde war eine Teilerscheinung des großen Sterbens der
Antike, eine Folge des jahrhundertelang währenden Zersetzungsprozesses, der mit
der Auflösung der antiken Weltanschauung und Kultur, mit der Trennung des
hellenisierten Ostens vom Abendlande, mit dem Sturze des weströmischen Reiches
endete. Unter den katastrophalen Erschütterungen des politischen, sozialen und
ethischen Lebens, auf dem Boden einer Uebergangsepoche, voll innerer und
äußerer Zerfahrenheit, konnte Wissenschaft und Kunst nicht gedeihen — „non
habet locum res pacis temporibus inquietis” —, die Medizin aber wurde von der
allgemeinen Umwälzung schon deshalb ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen,
weil ihr ureigenes Gebiet sogar zeitweise als Schauplatz des Kulturkampfes
dienen mußte.
Die Schilderung der Medizin in der Verfallszeit der Antike ist mit schwer
überwindlichen Hindernissen verknüpft wegen der spärlichen Reste der
Fachliteratur, die aus dem allgemeinen Zusammenbruch gerettet worden sind, und
wegen der Mannigfaltigkeit der äußeren Einflüsse, welche sich teils wirr
durchkreuzen, teils seltsam miteinander verketten; auch finden sich inmitten
der Zersetzung gewisse unscheinbare Keime, die viel später, nach langer
Ueberwinterung, für die Neuentfaltung der Heilkunst bedeutsam werden sollten
[…]