Vor ein paar Jahren brachte mir der durch seine Romane bekannt gewordene
galizische Schriftsteller Hermann Blumenthal zur Veröffentlichung in einer
Zeitschrift eine Reihe von jüdischen Sprichwörtern, die er in Wien und Galizien
gesammelt hatte. Ich bat ihn, seine Sammlung fortzuführen, und vor allem zu
erforschen, ob eine große Reihe bei uns seit Menschengedenken gebräuchlicher
Sprichwörter, die auch im Ghetto gebraucht werden, von dort zu uns gekommen
sind, oder ob die Juden vor drei Jahrhunderten diese Sprüche bei uns gehört,
übernommen und dann mit oft kaum merklichen Veränderungen ihren Gewohnheiten
angepaßt haben. Diese Feststellungen sind nicht überall gelungen.
Dafür gelang es andererseits, den Nachweis zu erbringen, daß eine ganze Reihe
von Sprüchen, die wir als typisch deutsch empfinden, aus dem Talmud und
Midrasch stammen. Reiche Ausbeute war für meine Arbeit die Handschrift des
Moritz Blaß aus dem Jahre 1850, die sich in ihrem wohl einzigen Exemplar in der
Lesehalle der Berliner kgl. Bibliothek befindet, so wie eine Auslese, die ein
Liebhaber der jüdischen Heraldik namens Bernstein in Rußland und Polen
gesammelt und im Hausfreund vom Jahre 1889 veröffentlicht hat. Bernsteins
Sammlung ist wohl die reichhaltigste. Auch der sehr empfehlenswerten
Tendlauschen Sammlung (bei Kaufmann Frankfurt), der weitaus besten, die mir
vorlag, habe ich einige wenige Sprüche entnommen. 150 Sprüche etwa sind aus dem
Talmud und Midrasch. Tolstoi hat während seiner Krankheit im Jahre 1908
»Gedanken weiser Männer«[1] gesammelt. Lao-Tse, Confucius, Buddha, Christus,
sein Liebling Ruskin, Pascal, Voltaire, Vauvernagues, Rot, Kant, Luther, Jean
Paul, Gontscharow, Dostojewski sind vertreten; aber auch eine große Zahl von
Talmudsprüchen befindet sich darunter, von denen ich etwa ein halbes Dutzend in
diese Sammlung aufgenommen habe.