Schon früh galt der Roman Schicksale einer Seele als Hedwig Dohms
Autobiografie – ein schwerwiegender Fehler, wie sich heute herausstellt. Die
Gleichsetzung mit der Figur Marlene verschob die Lebensdaten der Autorin Dohm
und führte zu hartnäckigen Gerüchten über ihre Ehe. Verhängnisvoll wirkte
sich die biografisierende Rezeption auch auf die literarische Bewertung des
Romans aus. Sie versperrte die Sicht auf ein Werk, das sprachlich raffiniert
die Entwicklung einer jungen Frau im 19. Jahrhundert beschreibt: von der
Naiven, die ihre gesellschaftliche Unmündigkeit als Frau nur sprachlos
fühlen kann, hin zur Erkennenden, die zu dieser Welt, in der Frauen sich
nicht entwickeln dürfen, auf ironische Distanz geht.