Die erste Publikation Spinozas, Amsterdam 1663, war eine meisterhafte
Darstellung der Philosophie des Cartesius (des Cartes), seines
unmittelbaren Vorgängers, mit einem Anhang. Er hatte sie einem jungen
Mann auf dessen Wunsch diktiert, wiewohl er mit dem Inhalt vielfach
durchaus nicht einverstanden war, wie er ausdrücklich bemerkt.
Anonym und mit dem pseudonymen Druckort Hamburg statt Amsterdam, kam
1670 der (in meiner Übersetzung aus dem Lateinischen vorliegende) »
Theologisch-politische Traktat« heraus. Er wirkte wie eine Sprengbombe
und brachte namentlich die Theologen in Harnisch gegen das Werk und
dessen trotz Anonymität wohlbekannten Autor. Wurden doch darin die
Grundpfeiler des Kirchenglaubens, Wunder, übernatürliche Offenbarung und
Unfehlbarkeit der Bibel, mit wuchtigen Argumenten, wiewohl im würdigen
Ton – der nur pathetisch anschwellt oder sarkastisch sich zuspitzt, wo er
auf die Intoleranz der Theologen zu reden kommt – fundamental
erschüttert. Die praktische Pointe desselben ist die Emanzipation der
Philosophie vom Joch der Theologie und die Forderung absoluter
Denkfreiheit, (wie schon der Titel hervorhebt,) auf Grund origineller
staatsrechtsphilosophischer Thesen. Das erste klassische Manifest der
Toleranz. Verbot und Beschlagnahme konnte die Verbreitung nicht hindern;
schon 1673 wurde es unter allerlei Scheintiteln neu gedruckt, und die
zahlreichen Gegenschriften förderten nur sein Ansehen.