Wie es aber kommt, daß „wahnsinnige“ Hexen Erscheinungen aufzeigen, die sonst
nur ein Patent christlicher Heiligen sind, darüber schweigt man sich aus. Oder,
man stellt die hundertfach erhärteten Tatsachen vorsichtshalber in Abrede, —
die Levitation (freies Schweben) usw. Hätte man damals diese Rätsel aufzuhellen
versucht, statt jene abnormen „Hexen“ zu verbrennen, so wüßte man heute mehr,
und so manche Katastrophe wäre zu verhüten gewesen, die nur geschehen ist, weil
wir den wahren Schlüssel zur Massenpsychose zu suchen versäumten.
Für den Dichter Bechstein allerdings ist das ungewisse Dämmerlicht mit der
Fledermausstimmung, das spukhaft jene Zeit einhüllt, ein Mittel sondergleichen,
die Phantasie spielen zu lassen und eine Märchenwelt, belebt von Kobolden,
Spektren und Lemuren, hervorzuzaubern und vor unsern Blick zu stellen.
Mit feinem Kunstgefühl trifft er gerade in diesem Buch in seinen
Schilderungen, die zwischen Tatsachen und Dichtungen stehen, den richtigen Ton.
Manchmal rührt es uns an wie Klang aus versunkener Märchenwelt, dann wieder
scheinbar nüchtern wie historisches Berichterstatten, zuweilen wie leise
Ironie.
Aber durch all dies hindurch zieht sich heimlich, wenn auch mit keinem Wort
erwähnt, der stumme hinweis: Das schlimmste übel für den Menschen ist ein
hartes Herz.
Manch anderer, berühmterer Dichter hätte sich nicht enthalten können, diese
Moral zu unterstreichen, — Ludwig Bechstein, der Märchenpoet, hat keine Silbe
darüber verloren, aber sein Schweigen ist beredter als die geschwätzigste
Zunge.
Wollen Sie eine Hexen-Novelle, so echt, dass man ordentlich mit den Händen
sich durch den beklemmenden Dunst des Aberglaubens hindurcharbeiten muss, so
gehen Sie zu Gast bei Ludwig Bechstein, darin namentlich »Die Hexenkönigin« und
voll anmutigen Humors, »Der kleine Gabelfahrer«; lesen Sie auch »Furia
Infernalis«.