Gradiva
Autor: Wilhelm Jensen
Herausgeber: Fischer Taschenbuch Verlag
Jahr: 1903
Genre: Erzählung
Quelle: Project Gutenberg
Aus: Der Wahn und die Träume in Wilhelm Jensens 'Gradiva'
Ein pompejanisches Phantasiestück
Ein zweifelhafter Nachruhm wurde Wilhelm Jensen von Sigmund Freud beschert,
der anhand der Novelle "Gradiva" eine erste größere psychoanalytische
Literaturinterpretation (Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“,
1907) versuchte. In seinem Deutungsversuch glaubt Freud, aus der Novelle die
fußfetischistischeund zudem inzestuöse Erotomanie des Dichters in Bezug auf
eine mit einem Spitzfuß körperlich behinderte Schwester herauslesen zu
können. Dummerweise hatte Jensen als unehliches Kind, das adoptiert wurde,
weder eine körperlich behinderte noch überhaupt eine Schwester, was den
psychoanalytischen Deutungsdrang allerdings nicht wesentlich gezügelt hat.
Ein Gefolgsmann Freuds, Martin Bergmann, verwechselt in den 80er Jahren Jensen
gar mit dem dänischen Dichter und vertritt die nachgerade epochale These,
Wilhelm Jensen sei latent schwul gewesen und habe nur durch seinen
Fetischismus die "Perversion" kontrollieren können.
Wie schon bei Freud selbst zeigt sich bei all seinen Trittbrettfahrern
hinsichtlich Jensens "Gradiva" eine vollständige Unbekümmertheit
hinsichtlich des Textes selbst. Die Psychoanalyse erscheint nicht nur hier als
ein Gebilde aus mehr Dichtung denn Wahrheit, mehr Wunschdenken denn
Wissenschaft.
Freud selbst hat den 70jährigen Jensen, der gerne ungestört seine
Weihnachtsvorbereitungen durchgeführt hätte, mit verschiedenen brieflichen
Anfragen so genervt, dass der Dichter nur kurz angebunden antwortete, zumal
ihm Freuds Anfragen, ob er eine Schwester gehabt habe &c., ziemlich spanisch
vorgekommen sein müssen. Dies aber hat Freud ihm so übel genommen, dass er
später äußerte, Jensen habe "versagt" und sei überhaupt nur ein
Dichterling dritten Ranges.
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